13. März 2026 | Neuigkeiten

»Ich entwerfe Bühnenbilder gern so, dass einige Dinge offenbleiben«
Interview mit Morgan Large zu »Rudolf – Der letzte Kuss«

Frage: Morgan, Sie haben an vielen der großen Opern- und Musicalhäuser der Welt gearbeitet – in Dubai, Sydney oder am Londoner West End. Nun haben Sie diese Bühne bereits zum zweiten Mal gesehen. Viele halten sie für eine der größten Bühnen, die sie kennen. Wie fühlt sich das für einen Bühnenbildner an – eher einschüchternd oder eher wie ein spannender Spielplatz?

Morgan Large: Es ist definitiv ein enormer Raum. Als Bühnenbildner ist es meine Aufgabe, genau zu verstehen, welche Möglichkeiten dieser Raum bietet. Gleichzeitig bleibt meine wichtigste Verantwortung immer dieselbe: die Geschichte zu erzählen. Wir sind hier, um eine wirklich faszinierende Geschichte zu erzählen – eine, die zugleich episch und sehr intim ist.

Mein Ansatz bei »Rudolf – Der letzte Kuss« war die Frage, wie man eine eher persönliche, beinahe häusliche Geschichte so inszenieren kann, dass sie groß und weit wirkt, ohne ihre Intimität zu verlieren. Wir wollen das Publikum auf eine Reise mitnehmen – und hoffentlich ermöglicht das Bühnenbild genau das.

Frage: Sie beschreiben das Stück als zugleich episch und intim. Die Figuren bewegen sich zwischen Einsamkeit, inneren Konflikten und der Suche nach ihrem Platz in einer schwierigen Zeit. Kann sich das auch im Bühnenbild widerspiegeln?

Morgan Large: Ja, absolut. Es ist eine faszinierende Geschichte mit mehreren zentralen Figuren, deren Entwicklung wir klar erzählen möchten. Was wir nicht tun, ist, perfekt realistische Schauplätze abzubilden. Stattdessen laden wir das Publikum dazu ein, seine eigene Vorstellungskraft zu nutzen. Wir erzählen die Geschichte also nicht streng naturalistisch. Ich entwerfe Bühnenbilder gern so, dass einige Dinge offenbleiben – damit das Publikum selbst in das Bild eintreten und es vervollständigen kann.

Frage: Viele Menschen kommen bereits mit dem Wissen in die Vorstellung, wie die Geschichte endet. Was ist für Sie der emotionale Kern des Stücks?

Morgan Large: Natürlich kennen viele den Ausgang der Geschichte. Aber die Stärke dieses Musicals liegt nicht nur darin zu zeigen, was geschieht, sondern auch zu erklären, warum es dazu kommt. Gemeinsam mit dem Regisseur Alex Balga war es uns wichtig, die Handlung klar in ihrer historischen Zeit zu verorten. Die Ereignisse, die hier dargestellt werden, hatten enorme Konsequenzen. Was diesen Menschen widerfahren ist, hat letztlich die Welt verändert. Diese größere historische Dimension wollten wir unbedingt sichtbar machen.

Frage: Heute findet eine ausführliche Besprechung Szene für Szene statt. Für Menschen, die den Theaterprozess nicht kennen: Was passiert an einem solchen Tag – und warum ist er so wichtig?

Morgan Large: Theater ist immer ein Zusammenspiel vieler Menschen. Als Bühnenbildner bin ich für die visuelle Welt der Produktion verantwortlich, arbeite dabei aber eng mit dem Lichtdesigner, den technischen Teams und vielen anderen zusammen.

Morgan Large: Solche Treffen sind entscheidend, weil ich hier meine Ideen und Absichten vorstellen kann. Alle Beteiligten müssen verstehen, wie die Produktion aussehen soll und was das Bühnenbild erreichen möchte. Dieses gemeinsame Verständnis ist die Grundlage für die weitere Arbeit.

Frage: Welche emotionale oder ästhetische Wirkung soll das Bühnenbild beim Publikum hinterlassen?

Morgan Large: Ich hoffe, dass das Bühnenbild wie eine unerwartete Lösung wirkt. Meine Arbeit beginnt immer damit, dass ich mir zunächst die Musik anhöre. Ich versuche, meine Produktionen so aussehen zu lassen, wie sie klingen. Wir haben eine fantastische Partitur von Frank Wildhorn – mit großen Balladen und sehr dynamischen, energiegeladenen Nummern. Das Bühnenbild muss all das tragen können: große, weit gespannte Momente ebenso wie sehr intime Szenen. Außerdem muss ein Musical schnell und fließend von einer Szene zur nächsten wechseln können. Gleichzeitig ist es mir wichtig, bestimmte Räume bewusst offen zu lassen – damit das Publikum sie mit seiner eigenen Vorstellungskraft füllen kann.

Frage: Was war Ihre erste Vision, als Sie das Libretto gelesen und die Musik gehört haben?

Morgan Large: Mein erster Impuls war, eine Welt zu schaffen, die sich ständig verändern und verwandeln kann. Auf der Bühne steht ein großer Turm auf einer Drehbühne, den das Publikum aus unterschiedlichen Perspektiven erlebt. Mit jedem neuen Schauplatz verwandelt sich dieser Turm – einmal in Innenräume, dann wieder in Außenräume. Auf diese Weise erzählen wir diese große Geschichte durch permanente visuelle Veränderung.

Frage: Ihr Bühnenbild für »Maria Theresia« wurde oft als modern beschrieben – historisch verankert, aber nie museal. Können wir bei »Rudolf – Der letzte Kuss« eine ähnliche Handschrift erwarten?

Morgan Large: Es ist eine ganz andere Art von Stück mit einem anderen musikalischen Charakter. »Maria Theresia« ist stärker zeitgenössisch und poporientiert. »Rudolf – Der letzte Kuss« ist das weniger, aber es hat dennoch einen modernen Klang. Durch ein zeitgenössisches Licht- und Videodesign hoffe ich, dass sich diese Modernität auch in dieser Produktion widerspiegelt.

Frage: Wenn Sie die Produktion in einem Wort beschreiben müssten – welches wäre das?

Morgan Large: Episch.

Frage: Und für Menschen, die die Geschichte von »Rudolf – Der letzte Kuss« noch nicht kennen: Wie würden Sie das Musical in wenigen Sätzen beschreiben?

Morgan Large: Es ist eine sehr wichtige Geschichte, die erzählt werden muss. Sie erinnert uns an Ereignisse der vergleichsweisen jüngeren Vergangenheit und an ihre weitreichenden Folgen. Was diesen Menschen widerfahren ist, hatte enorme Auswirkungen und hat letztlich den Lauf der Welt verändert. Diese historische Bedeutung – verbunden mit einer außergewöhnlichen Musik – macht dieses Stück so kraftvoll.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Dirk Schattner und Anne Roth.

Impressionen

Bilder von Michael Böhmländer

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